Grundbücher der österreichischen Literatur ab 1945
Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 19.30 Uhr:

MARIE-THÉRÈSE KERSCHBAUMER: Der weibliche Name des Widerstands. Sieben Berichte. (Walter Verlag, 1980)
Lesung der Autorin

Referate: FRIEDERIKE KRETZEN und KONRAD PAUL LIESSMANN

Idee und Konzept: KLAUS KASTBERGER und KURT NEUMANN

”Aus Prozeßaktien und Gestapo Dossiers, bei Angehörigen, überlebenden Mithäftlingen und Gefängnispfarrern hat die Autorin sechs Lebensläufe recherchiert. Da ist Alma Johanna König, im Österreich der dreißiger Jahre eine bekannte Lyrikerin; da ist Elise Richter, die erste österreichische Hochschullehrerin, mit siebenundsiebzig Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt; da ist das Lehrmädchen, die Nonne, die Arbeiterin, die Lehrerin. Recherchierte
Fakten gehen in ihrer authentischen Sprachgestalt in den Text ein, Urteilsformeln und Protokollsätze, Erinnerungsfragmente und Briefe aus den Todeszellen formieren eine erste Textschicht zu einer Collage aus lauter Zitaten. ‘Haben Sie schon versucht’ fragt die Autorin,
‘diese Sätze einzeln zu ergänzen, laut vorzulesen, ihre verblüffende Wirkung zu prüfen?’ Der Leser wird laufend ins Gespräch gezogen, im Gesprächston werden die Zeugnisse zitiert, in einem Redestrom, der in die Lücken eindringt zwischen den recherchierbaren Fakten, verschiedene Vorstellungen anbietet, ‘wie es sich zugetragen haben könnte’. Im Sog dieses Redestroms wird die Zitatschicht des Textes fortwährend aufgebrochen, aus Schrift zurückübersetzt in Rede, in den ursprünglichen Sprechakt. Rhythmus, Assonanz und Alliteration, wie beiläufig eingespielt, machen die Dynamik des Sprechaktes bewußt, die linguistische Energie, die in jedem Satz arbeitet, als eine Art Gruppenenergie, die den psychischen Impuls durch sprachliche Überformung in ein gesellschaftliches Repertoire einbindet. In der Sprache selbst also wird schon latente Gewalt aufgedeckt, ein gesellschaftliches Potential von Antrieben, das sich in der Praxis von Einzelnen ununterbrochen aktualisiert.”
(Hansjoachim Beyl, "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", 9. 12. 1980)

”Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen Marie Thérèse Kerschbaumers Buch ‘Der weibliche Name des Widerstands’ wieder zu lesen, kann nicht nur bedeuten, den Mut, die Eigenwilligkeit und die sprachliche Präzision dieser ‘Berichte’ retrospektiv noch einmal zu würdigen, sondern muß auch bedeuten, dieses Buch mit jenen Entwicklungen zu konfrontieren, die die Verbrechen desNationalsozialismus und das Gedenken an seine Opfer mittlerweile zum Bestandteil einer globalisierten Holocaust Kultur gemacht haben. Was die nuancierte Sprache von Marie Thérèse Kerschbaumer zu leisten vermochte und noch immer zu leisten vermag, welche Perspektiven des Erinnerns dadurch freigelegt wurden, wird so nicht zuletzt im Kontext jener Strategien der Erinnerung zu sehen sein, die in den letzten beiden Jahrzehnten die Diskursformen im Kampf gegen das Vergessen bestimmten. Wohl stand Kerschbaumers Buch am Beginn dieses Diskurses, war ein entscheidendes Initial. Es stand und steht aber in seiner spröden und traurigen Schönheit bis heute quer zu den ideologisch moralischen Schematismen, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nur allzuoft dominieren.”
(Konrad Paul Liessmann)

Marie Thérèse Kerschbaumer, geb. 1936 in Garches (bei Paris). Kindheit in Costa Rica, danach in Tirol. Seit 1957 in Wien. Studium der Romanistik (Italienisch, Rumänisch) und Germanistik. Freiberufliche Schriftstellerin und literarische Übersetzerin aus dem Rumänischen. Lebt in Wien. Bücher: gedicht, 1970; Der Schwimmer, Roman, 1976; Der weibliche Name des Widerstands, Sieben Berichte, 1980; Schwestern, Roman, 1982; Gewinner oder Verlierer einer Zeit, Literaturförderung und künstlerische Qualität, 1988; Neun Canti auf die irdische Liebe, 1989; Für mich hat Lesen etwas mit Fließen zu tun ... Gedanken zum Lesen und Schreiben von Literatur, 1989; Versuchung, 1990; Die Fremde. Erstes Buch, 1992, Ausfahrt. Zweites Buch, 1994; bilder immermehr, gedichte (1964 1987), 1997; Fern. Drittes Buch, 2000; Versuchung, Prosa, 2002; Orfeo, Bilder, Träume, Prosa, 2002; Arkadien / Apologie, 2003.
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