Exilliteratur
Dienstag, 7. Juni 2005
Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 19.30 Uhr:

Lesung mit dem Träger des diesjährigen Theodor Kramer Preises für Schreiben im Widerstand und im Exil GEORG STEFAN TROLLER.

Einführung: SIGLINDE BOLBECHER

Eine Veranstaltung der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien

Der mit Euro 7.300, dotierte Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil geht heuer an den in Paris lebenden Georg Stefan Troller. Das beschloss der Vorstand der Theodor Kramer Gesellschaft auf Vorschlag der Jury (Siglinde Bolbecher, Erich Hackl, Primus Heinz Kucher, Daniela Strigl). Troller, für seine Fernsehdokumentationen und
Drehbücher wiederholt ausgezeichnet, wird damit erstmals für sein umfangreiches literarisches Werk geehrt.

Georg Stefan Troller, geboren 1921 in Wien, Mittelschule Gymnasiumstraße in Wien Döbling, flüchtete im November 1938 in die Tschechoslowakei, im April 1939 nach Frankreich, von September 1939 bis Juni 1949 als "feindlicher Ausländer" interniert. 1941 gelangte er nach neuerlicher Internierung in Casablanca (Marokko) nach New York. 1943 wurde er US Bürger, von März 1943 bis Mai 1946 freiwillig in der US Army. Nach dem Anglistik Studium in den USA, 1949 Rückkehr nach Europa, Studium der Theaterwissenschaft in Wien und Paris. 1951 58 als Radiojournalist für die Stimme Amerikas in Paris tätig. 1962 94 drehte er für WDR und ZDF die Fernsehserien "Pariser Journal" (50 Folgen) und "Personenbeschreibung" (75 Folgen). Troller ist zudem Autor von Dokumentarfilmen, u.a. über Jack Londen, Arthur Rimbaud, B. Traven, Paul Gauguin, Simone Weil. 1995 entstand sein Film "Unter Deutschen Eindrücke aus einem fremden Land".
Parallel zu seinem Filmschaffen hat sich Georg Stefan Troller zum Schriftsteller entwickelt, dessen zentrales Thema mehr und mehr und immer unabweislischer die Erfahrung von Vertreibung und Exil geworden ist. Das Exil erscheint ihm als exemplarisch für den gegenwärtigen Weltzustand.
Langjährige Zusammenarbeit mit dem österreichischen Regisseur und Autor Axel Corti (1933 1993), von einem Dokumentarfilm über die Jugend Adolf Hitlers (1975) bis zu der großen Trilogie "Wohin und zurück" (1985), in welcher die Vor und Nachkriegszeit aus der Perspektive des Exils dargestellt werden. In seinen Schriften erweist sich Georg Stefan Troller nicht nur als ein kluger Beobachter, der sich auf präzise Notation versteht, sondern auch als ein unerbittlicher Kritiker österreichischer Nachkriegsentwicklungen, in denen sich oft genug unter Berufung auf den Opferstatus Österreichs (als von Hitlerdeutschland besetztes Land) gerade jene Haltungen reproduzierten, die eher einer Mittäterschaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus entsprachen. In seinem im Vorjahr erschienenen vorläufig letzten Buch, "Das fidele Grab an der Donau", zeichnet er die vielfältigen kulturellen und literarischen Einflüsse und Strömungen nach, die ihn im Wien vor 1938 als Heranwachsenden anzogen und prägten. Doch begleiten die großen intellektuellen Gestalten wie Karl Kraus, Peter Altenberg, Ödön von Horvath, Franz Werfel, Alfred Polgar bereits die Vorzeichen eines sich radikalisierenden Antisemitismus und ein politsches System, das den Weg zur Selbstaufgabe bereits beschritten hat. Mit nicht zu besänftigendem, oft jäh aufflammendem Zorn vergegenwärtigt Georg Stefan Troller den Verlust. Er erinnert an Künstler, Dichter, kreative Menschen, deren Werke und Schicksale bleibendes Gedenken verdienen, und erhebt Einspruch gegen umstandsloses und selbstgefälliges Sich Abfinden mit dem Geschehenen. Er weist auf die kulturelle und menschliche Verödung hin, die durch Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Intellektuellen und KünstlerInnen entstanden ist.

Siglinde Bolbecher, Stellvertretende Vorsitzende der Theodor Kramer Gesellschaft und Herausgeberin der Zeitschrift "Zwischenwelt". Historikerin, Literaturwissenschaftlerin und Autorin, Mitarbeiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), Mitgestalterin zahlreicher Ausstellungen zu Exil und Widerstandsthemen und Mitherausgeberin der Buchreihe "Antifaschistische Literatur und Exilliteratur Studien und Texte". Leiterin des Arbeitskreises "Frauen im Exil" in Wien, veröffentlichte Gedichte und zahlreiche Aufsätze zu Fragen der Zeitgeschichte, des Exils und der Exilliteratur. U.a. Herausgeberin der gesammelten Prosa von Stella Rotenberg (2003), Mitverfasserin des "Lexikons der österreichischen Exilliteratur" (2000). 2002 Bruno Kreisky Preis.
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