Heimrad Bäcker und der NS-Diskurs / Verleihung der Heimrad-Bäcker-Preise
Dienststag, 19. Juni 2007

Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 19.30 Uhr:

Begrüßung: DR. ERICH WATZL (Vizebürgermeister der Stadt Linz)
ING. MAG. OTTO GUMPINGER (Landtagsabgeordneter)

PRIV.-DOZ. DR. HEIDRUN KÄMPER: Schuldperspektiven - Heimrad Bäcker und der NS-Diskurs

Laudationes und Lesungen der Preisträger
ELFRIEDE GERSTL und KEVIN VENNEMANN

Die Vergabe der Heimrad-Bäcker-Preise wird maßgeblich unterstützt durch eine Förderung des Kulturamts der Stadt Linz gemeinsam mit der Landeskulturdirektion des Landes Oberösterreich sowie durch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

Heimrad Bäckers „nachschrift” analysiert mit den Mitteln der konkreten Poesie die Genese und Struktur der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie. Wie Heimrad Bäckers Werk auf dem Feld der Literatur und Kunst den Diskurs der Täter, der Opfer und der Kläger der Shoah zu ästhetischer Evidenz bringt, lohnt jeder literaturwissenschaftlichen, aber auch sprachwissenschaftlichen Analyse. Heidrun Kämper, die zwei große Studien zum Diskurs über den Nationalsozialismus nach 1945 publiziert hat, wird sich aus dem Bereich der Diskurslinguistik und Lexikographie der „nachschrift” Heimrad Bäckers nähern und die von den jeweiligen Perspektiven abhängigen unterschiedlichen Sprechweisen in Bezug auf den Gegenstand ´Nationalsozialismus´ rekonstruieren.

Dieses Gedenken an den Autor durch eine vertiefende Analyse seines Hauptwerks wird durch das beispiellose literaturfördernde Vermächtnis Heimrad Bäckers ergänzt: Noch zu Lebzeiten hat Bäcker zusammen mit seiner Frau Margret Bäcker den „Heimrad-Bäcker-Preis” (dotiert mit Euro 8.000) und den „Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis” (dotiert mit Euro 3.500) gestiftet. Diese Preise sollen Autorinnen auszeichnen und fördern, deren bisheriges Werk mit der ästhetischen Ausrichtung der „edition neue texte”, wie Heimrad Bäcker sie verlegt hat, in Zusammenhang steht. Sie sind somit die einzigen österreichischen Preise, die so entschieden zur Förderung von Literatur aus dem Umfeld dessen verliehen werden, was als experimentelle Dichtung, Literatur als Kunst oder einfach als relevante Literatur abseits von Belletristik zu betrachten ist.
Nach Entscheidung der Jury (Friedrich Achleitner, Thomas Eder und der letztjährige Preisträger Ferdinand Schmatz) werden die diesjährigen Preise verliehen an: Elfriede Gerstl (Heimrad-Bäcker-Preis) und Kevin Vennemann (Förderpreis).

Elfriede Gerstl, geboren 1932 in Wien, überlebt als jüdisches Kind die Zeit des Nationalsozialismus in Wien in diversen Verstecken. 1951 Matura, anschließend Studium Medizin und Psychologie. Erste Veröffentlichungen seit 1955, erste Buchpublikationen „Gesellschaftsspiele mit mir” (1962), „Berechtigte Fragen”, Hörspiele (1973). Von 1964-71 Aufenthalte in Berlin. In dieser Zeit entsteht ihr Roman „Spielräume”, ein bahnbrechendes Werk, das die Literatur der Avantgarde mit feministischen Ansätzen verknüpft. Dieser Text wird erstmals in Heimrad Bäckers „edition neue texte” 1977 publiziert, im Nachwort zur Neuauflage von 1993 schreibt Heimrad Bäcker: „Elfriede Gerstl fand im Zentrum der formalen Entwicklungen der zeitgenössischen Literatur ihre unverwechselbare Position. Auf die schulbildenden Angebote zwischen Realismus und Konkretion antwortete sie mit dem Skeptizismus des Wortes.” Ebenfalls in der edition neue texte erscheint 1982 der Band „wiener mischung” (erweiterte Neuauflage „neue wiener mischung”, 2001 bei Droschl), sowie der zusammen mit Herbert J. Wimmer herausgegebene Band „Ablagerungen” (1989). Jüngste Publikation: „Mein papierener Garten”, Gedichte (2006), Konstanze Fliedl und Christa Gürtler haben einen Band der Reihe „Dossier” bei Droschl über Elfriede Gerstl herausgegeben (2002).
Preise (Auswahl): Erich-Fried-Preis (1999), Georg-Trakl-Preis (1999), Ben-Witter-Preis (2004).

Kevin Vennemann, geboren 1977 in Dorsten (Westfalen), lebt in Berlin. 2005 erschien im Suhrkamp Verlag sein erster Roman „Nahe Jedenew”, der ein antijüdisches Pogrom in Polen zu seinem Stoff machte. In seinem 2007 erschienenen Roman „Mara Kogoj” wird Vennemann der Konflikt zwischen Kärntnern und der slowenischsprachigen Minderheit zum Anlassmodell, die Fragen nach der Darstellbarkeit von Historie in Literatur zu ergründen. Im Rahmen einer imaginierten Studie nehmen zwei Angehörige der slowenischen Minderheit zu Protokoll, was Kärntner und vor allem ein Deutschnationaler, gemäß dem Wiederbetätigungsparagraphen Vorbestrafter namens Ludwig Pflügler über Kärnten und seine Geschichte im 20. Jahrhundert denken. Die Figuren, die nicht psychologische Charaktere, sondern überindividuelle Diskurshaltungen markieren, führen in dieser Dreiecks-Kommunikation vor, dass Redeweisen immer implizite Denkweisen zugrundeliegen. Vennemanns Roman ist ein eindrückliches Zeugnis, wie ästhetische Konzeptionen an politische Inhalte angelagert werden können, um diese besser zu verstehen.

Priv. Doz. Dr. Heidrun Kämper, Studium der Germanistik und der Politikwissenschaft in Hamburg und Braunschweig; Promotion zum politischen Lied von 1848; Habilitation zum deutschen Schulddiskurs 1945 bis 1955; Forschungsschwerpunkte: Diskurslinguistik, sprachliche Umbruchgeschichte, Lexikologie und Lexikographie, Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache, Mannheim.
Publikationen (Auswahl): „Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945”, Berlin, New York: de Gruyter 2005; „Opfer - Täter - Nichttäter. Ein Wörterbuch zum Schulddiskurs 1945-1955”, Berlin, New York: de Gruyter 2007.


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