Grundbücher der österreichischen Literatur ab 1945
Mittwoch, 14. Mai 2008

Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 19.30 Uhr:

HERMANN BROCH: Die Schuldlosen.
Roman in elf Erzählungen

(Weismann, München; Rhein-Verlag, Zürich 1950)

Kommentierte Lesung: MICHAEL KÖHLMEIER

Referat: GERALD STIEG
Idee und Konzept:
KLAUS KASTBERGER und KURT NEUMANN

Ein Gemeinschaftsprojekt der Alten Schmiede, Wien,
und des StifterHauses

Hermann Brochs letzter Roman, 1950 gleichzeitig in zwei Verlagen (Weismann in München, Rhein-Verlag in Zürich) publiziert, zählt zu den seltsamsten Gebilden der Gattung Roman. Vorübergehend hatte Broch als Titel ”Vorüberziehende Wolke. Elf Erzählungen und drei Gedichte, beinahe ein Roman” vorgesehen. Ursprünglich handelte es sich um den Plan Weismanns, Brochs Novellen ”Mit schwacher Brise segeln” (1931), ”Methodisch konstruiert” (1917), ”Die Heimkehr” (1933), ”Eine leichte Enttäuschung” (1933) und ”Vorüberziehende Wolke” (1933), zwischen denen auf den ersten Blick kein ersichtlicher Zusammenhang besteht, gesammelt herauszugeben. Die Wiederbegegnung mit diesen Novellen hat Broch auf den Gedanken gebracht, mittels neuer Erzählungen eine Art Fabel mit durchgehendem Personal zu konstruieren, die bewusst mit Figuren und Situationen aus Mozarts ”Don Giovanni” (Don Juan, Elvira, Zerline, der steinerne Gast) arbeitet. Zu diesem Zweck hat er die alten Erzählungen überarbeitet. Doch ging es ihm dabei nicht bloss um ein ”technisches” Experiment, sondern auch um eine ethisch-politische, ja religiöse Fragestellung, nämlich die Schuldfrage nach 1945. Um keinen Zweifel an dieser Intention aufkommen zu lassen, hat er -sehr gegen den Willen des Verlegers- den Entschluss gefasst, die Erzählungen durch Gedichte in drei Phasen zu gliedern, die ähnlich den ”Schlafwandlern” einen eindeutigen historischen Bezug aufweisen: die ”Stimmen”, die den Erzählungen vorangehen, tragen die Jahreszahlen 1913 - 1923 - 1933. Ihre Entstehungszeit reicht von 1913 (!) bis zu den Fahnenkorrekturen im Jahre 1950. Sie sind tief von Karl Kraus geprägt. Der späteste Text ist die den Roman eröffnende hassidische ”Parabel von den Stimmen” aus dem Sommer 1950.
Die stilistische und formale Vielfalt kennzeichnet auch die einzelnen Erzählungen, die von der politischen und literarischen Satire bis zur Krimi-Story reichen. Eine von ihnen, ”Die Erzählung der Magd Zerline” , hat sich in den letzten Jahrzehnten selbständig gemacht aufgrund der berühmten Inszenierung des Textes durch Klaus Michael Grüber mit Jeanne Moreau in der Rolle Zerlines. - Angesichts dieses polyphonen Gebildes ist es nicht immer leicht, Brochs ethisch-politische Intention nachzuvollziehen, die er selbst öfters auf einen einzigen Nenner gebracht hat: es gehe in den ”Schuldlosen” um den Seelenzustand der Deutschen zwischen 1923 und 1933, also um die Bedingungen der Möglichkeit des Nationalsozialismus. Broch sieht diese in dem ”Problem der Menschenvereinsamung und der daraus entspringenden verantwortungslosen Gleichgültigkeit”. Die ”Gleichgültigkeit” wird von ihm als Hauptsünde definiert, die vor allem den ”Spiesser” charakterisiert und sich ironisch im Titel ”Die Schuldlosen” spiegelt. Es geht dabei nicht um irgendeine juristisch beweisbare Schuld und der ihr angemessenen Strafe, sondern um ”Sühne und Läuterung”, das heisst um den Übergang aus dem ”juristischen in den menschlichen Bereich, also in jenen, der Dichtung zugänglich ist und ihre Aufgabe darstellt.” (Gerald Stieg)



Gerald Stieg, geboren 1941 in Salzburg. Lebt seit 1969 in Paris. Professor für Germanistik an der Sorbonne Nouvelle - Paris III. Chefredakteur der Zeitschrift „Austriaca” . Herausgeber der Lyrik Rilkes (franz., 1997). Zahlreiche Publikationen zu Benn, Brecht, Broch, Canetti, Kafka, Kraus, Musil, Rilke, Trakl, Weininger und zu Fragen der Kulturpolitik, u.a.: „Der ,Brenner’ und die ,Fackel’” (1976); „Frucht des Feuers” (1990); „Elias Canetti”, Katalog der Ausstellung im Centre Pompidou (1995).

Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard/Vorarlberg. Studium der Germanistik und Politologie in Marburg sowie der Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Zahlreiche Romane, Erzählungen, Hörspiele, Lieder; bekannt auch als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten im Radio und auf CDs. Zuletzt erschienen: „Roman von Montag bis Freitag”, 2004; „Shakespeare neu erzählt”, 2004; „Nachts um eins am Telefon”, 2005; „Abendland”, Roman 2007.

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