Grundbücher der österreichischen Literatur ab 1945
Dienstag, 10. März 2009

Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Plartz 1, 19.30 Uhr:

H.C. ARTMANN: ein lilienweißer brief aus lincolnshire. gedichte aus 21 jahren
herausgegeben von gerald bisinger
(Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1969)

Kommentierte Lesung: FERDINAND SCHMATZ (Wien)
Referat: CHRISTOPH BARTMANN (München)

Ausschnitte einer Artmann-Lesung in der
Alten Schmiede 1994

Moderation: KLAUS KASTBERGER


Ein Gemeinschaftsprojekt der Alten Schmiede, Wien
und des StifterHauses


Die 1969 vom Dichter Gerald Bisinger herausgegebene Sammlung der Dichtungen H.C. Artmanns bietet, mit Ausnahme der Dialektgedichte, einen erste, weitgehend vollständige Übersicht über den umfassenden Artmann’schen poetischen Kosmos. Noch heute bewegt und begeistert das auf rund 500 Seiten entfaltete Labyrinth dichterischer Impulse, spontaner Eingebungen und ausgeführter Dichtungszyklen, in denen die codifizierte poetische Form mit ihrer Subversion einen offenen Dialog führt. Man kann dieses Buch nicht anders als ein literarisches Elementarereignis begreifen, das zugleich Zeugnis von einem die Lebensform bestimmenden dichterischen Freiheitsbegriff gibt, der in den heutigen normierten und normativen Zeiten fast schon sagenhaft wirkt. Das im Jahr 1964 von Konrad Bayer abgefasste und als Vorwort aufgenommene Porträt „hans carl artmann und die wiener dichtergruppe” vertieft noch diesen kulturgeschichtlichen Aspekt.
In jahrelanger, oft detektivischer Arbeit war es Gerald Bisinger, in einer editorischen Vorstufe gemeinsam mit dem Artmann-Freund Peter O. Chotjewitz, gelungen, die bis dahin eine verstreute, in mehr oder minder entlegenen Editionen veröffentlichte, oft aber unveröffentlichte Existenz führenden Gedichte Artmanns, auch die meisten der als verschollen geltenden, in diesem Buch zusammen zu fassen. In seinem Nachwort resümierte Bisinger im Dezember 1968 u.a.: „Für Artmann ist Dichtung nicht Lebenszweck, sondern eine Selbstverständlichkeit seines Lebens; er findet, und er erzeugt Dichtung, läßt Gefundenes und selbst Geschriebenes zurück, um Neues zu schreiben und aufzufinden; hin und wieder macht er auch Rückgriffe.
Nur wenn man diese Haltung Artmanns kennt, läßt es sich verstehen, daß er keine vollständige, oder auch nur annähernd vollständige Sammlung seiner Gedichte (oder auch kurzen Prosa oder auch Theaterstücke) besitzt, daß er alle sogenannte Ordnungsarbeit gern seinen Freunden überläßt, nicht unfroh allerdings, daß sie doch jemand übernehmen will….
Dieser Band enthält Artmann-Gedichte aus 21 Jahren; auf Vollständigkeit der Sammlung wurde größter Wert gelegt, nicht zuletzt, um Legenden und Gerüchte mit einer Realität zu konfrontieren, die das Licht der Öffentlichkeit keineswegs zu scheuen braucht. Daß diese Sammlung dennoch nicht perfekt sein kann, ist ihr großer Vorteil, ist ein nicht vom Tisch zu fegender Hinweis auf die Lebendigkeit und Freiheit der Poesie, die sich jeder Institutionalisierung zwangsläufig entzieht.”

H.C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, † 5. Dez. 2000 in Wien. 1952 Gründung der Wiener Gruppe mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener, Dozent an der schule für dichtung in Wien. Ab 1954 zahlreiche Reisen. 1974 Großer Österreichischer Staatspreis, 1997 Georg-Büchner-Preis. Veröffentlichungen (Auswahl): „med ana schwoazzn dintn/Mit einer schwarzen Tinte”, Gedichte (1958); „hosn rosn baa”, Gedichte (1959); „Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern”, Roman (1959); „Das suchen nach den gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken”, Poetisches Tagebuch (1964); „Dracula, Dracula” (1966); „ein lilienweißer brief aus lincolnshire”, gedichte aus 21 Jahren mit einem portrait h.c. artmanns von konrad bayer, hrsg. v. Gerald Bisinger (1969); „Das im Walde verlorene Totem”, Prosadichtung 1949-53 (1970); „how much, schatzi”, Prosa (1971); „Die Jagd nach Dr. U.”, Prosa (1977); „Nachrichten aus Nord und Süd”, Prosa (1978); „grammatik der rosen”, Gesammelte Prosa. 3 Bde. (1979); „im schatten der burenwurst”, Skizzen aus Wien (1983); „die zerstörung einer schneiderpuppe”, poetisches theater (1992); „Achtundachtzig ausgewählte Gedichte” (1996); „goethe trifft lilo pulver” (1996).

Christoph Bartmann, geboren 1955, Studium der Germanistik und Geschichte in Düsseldorf und Wien. Ab 1988 in verschiedenen leitenden Positionen für das Goethe-Institut in Santiago de Chile, Prag und Kopenhagen tätig, seit 2008 Leiter der Abteilung „Kultur und Information” der Zentrale des Goethe Instituts in München. 2005 erschien „Kopenhagen: Stadt der Dichter”. Bartmann schreibt regelmäßig Literaturkritiken für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung”, die „Süddeutsche Zeitung” und „Die Presse”.

Ferdinand Schmatz, geboren 1953 in Korneuburg. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wien. Lebt als freier Schriftsteller in Wien. Herausgeber des Nachlasses von Reinhard Priessnitz (1986-1994). Publiziert in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien. Preise und Auszeichnungen (Auswahl): 2002 Anton-Wildgans-Preis; 2004 Georg-Trakl-Preis; 2006 H.C. Artmann-Preis. Zuletzt erschienen: "Das große Babel,n" (1999); "Portierisch", Roman (2001); "Tokyo, Echo oder wir bauen den Schacht zu Babel, weiter" (2004); "Durchleutung. Ein wilder Roman aus Danja und Franz" (2007).
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