Was bleibt, was bleiben sollte
Klaus Kastberger, Kurt Neumann: "Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945. Erste Lieferung"

Von Christian Pichler

"Übrigens habe ich Konrad Bayer niemals interpretiert. In einem Aufsatz vor langer Zeit habe ich interpretiert, warum man die Texte Konrad Bayers nicht interpretieren kann." Sehr schön, wie der - Essayist? - Franz Schuh eingesteht, dass es in der Literatur eben keine fixe Lehrmeinung gibt. Und weiter in Schuhs Aufsatz "Kommentar zu einer Lesung aus Konrad Bayer: ,der sechste sinnì": "Seine Texte sind konkret überlegen, will sagen, sie sind auf eine Weise im Einsatz, daß sie die üblichen Verfahrensweisen, zum Beispiel Interpretation, delegitimieren." Schuh zitiert dazu passend wenig später aus "der sechste sinn" (Bayer hat von 1959 bis zu seinem Tod 1964 an dem Text gearbeitet, Gerhard Rühm hat die Fragmente zu einem Text zusammengefasst) - Bayer also in "der sechste sinn": "nur das wort aus der hilflosen faulheit der menschenpyramide und ihrer sucht nach ruhe und mütterlicher geborgenheit entwickelt, hatte da ein bisschen zusammengeschmiedet."

Auf Schuhs Beitrag folgt wiederum eine Analyse des Germanisten Oliver Jahraus, der meint, "der sechste sinn" würde den/die LeserIn etwas ratlos zurücklassen. Wer sich auf die Lektüre Bayers einlasse, "wird eine eigentümliche Mischung von Enttäuschung und Erfüllung, Langeweile und Begeisterung verspüren (...)." Ja was nun? Wer interpretiert die Interpreten? Gibt es schlussendlich so etwas wie einen österreichischen Literaturkanon? Aufschluss verschafft vielleicht das Vorwort zu "Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945", versehen mit dem koketten Zusatz ""Erste Lieferung". Seit dem Jahr 2002 wird in Zusammenarbeit der Wiener Literaturdependance Alte Schmiede und dem Linzer Stifterhaus die "Grundbücher"-Serie gestaltet und veranstaltet. 25 Bücher wurden bisher besprochen. - Kein Diktat, was nun arme Gymnasiasten zu lesen hätten, sondern ernsthafte Beschäftigung mit wesentlichen literarischen Werken. Samt Vorträgen namhafter ExpertInnen und abgedruckter Diskussionen, die in diesem Buch versammelt sind.

Das Vorwort also, in dem sich die Herausgeber, der Alte Schmiede-Leiter Kurt Neumann und Germanist Klaus Kastberger, sowie die Literaturveranstalterin des Stifterhauses, Regina Pintar, entschieden gegen ein Bildungsdiktat aussprechen: "(...) denn nicht die Etablierung eines Kanons oder Gegenkanons steht hier im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich, ,was bleibtì - oder eben genau aus diesem Grund: ,bleiben sollì -, mit einer aktuellen und durchaus kritischen und leidenschaftlichen Lektüre verbinden lässt."

Das Bedürfnis nach Orientierung, auch im Rahmen der Literatur, ist vielleicht kindisch. Hilfreich, und höchst unterhaltsam, ist dieses Buch allemal. Zumal es die Frage offen lässt, was muss Mensch(=Bildungsbürger?) gelesen haben? Exemplarisch vorgeführt an Brigitte Schwaigers Roman "Wie kommt das Salz ins Meer" von 1977. Darin formulierte Schwaiger doch sehr konkret Kritik an österreichisch-katholischen und postfaschistischen Zwängen, denen sich eine selbständig denkende Frau beugen muss, übrigens bis heute. Die Literaturkritikerin Daniela Strigl hebt allerdings den Aspekt literaturbetrieblicher Verwertung vor, was allein aus dem Titel ihres Vortrages hervorgeht: ""Rückblick auf ein ,Fräuleinwunderì".

Muss Literatur "sexy" sein? "Popstar" Ingeborg Bachmann, deren "Die gestundete Zeit" von Hans Höller, Professor der Germanistik in Salzburg, hier ebenso besprochen und diskutiert wird wie etwa Fred Wanders "Der siebente Brunnen", Thomas Bernhards "Frost" oder Peter Handkes "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos". Letzteres Buch ist 2002 erschienen. Auffallend, dass ansonsten Bücher vergangener Jahrzehnte überwiegen. Ein Thomas Glavinic? Werner Kofler? Anna Mitgutsch? Erst im Rückblick, im Laufe der Zeit, wird manches wohl klarer werden.

Klaus Kastberger, Kurt Neumann: "Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945. Erste Lieferung". Zsolnay, Wien 2007, 336 Seiten.
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