Buch- und Verlagspräsentation
Montag, 23. Februar 2004
Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 19.30 Uhr

Für politisch trübe Köpfe: WER DIE WAHL HAT, HAT DIE QUAL
OLAF DANNER über die Schwierigkeiten des Wählers, zu einer richtigen Entscheidung zu gelangen.
Lesung aus dem Buch „Ich will endlich meine Presidentin” (Resistenz Verlag, 2004)
Präsentation unter der Moderation des Verlegers DIETMAR EHRENREICH

Jede Bürgerin und jeder Bürger darf laut Gesetz aktiv (als Kandidat) und passiv (als Wähler) in Demokratien mitentscheiden. Der nordzeelandische Protagonist und Ich-Erzähler Alfonse Jan van Baueschle verirrt sich deshalb blauäugig trotz etlicher zu erwartender Komplikationen ins subversiv anmutende Unterholz eines Wahlkampfs. Und verstrickt sich aus dem Abseits im unentwirrbaren Dickicht politischer Absichten, Strategien, Wege und Ziele.
Baeuschle erkennt: Nicht immer ist die Mehrheit im Besitz der Wahrheit, aber manchmal liegt sie auch richtig und die Minderheit falsch. Nicht immer ist das Gegenteil von richtig falsch. Ist schon die Orientierung im Mehrwertsystem der Gesellschaft kein Honiglecken, so ist selbst der achtbare Versuch eines Wechselwählers, womöglich sogar seine Wunschkandidatin durchzubringen, gänzlich zum Scheitern verurteilt. Und von Solidarität sogenannter Gleichgesinnter ganz zu schweigen. Dilettanten sollten die Finger von der Politik lassen, das ist das schlussendliche Ergebnis seines Engagements.
Baeuschle ist also ein politischer Dummkopf, ein Simplicissimus, der im politischen Gegenwartsalltag geradezu herangezüchtet wird, wenn Idealismus fern jeden Realitätssinns dem politischen Pragmatismus in der Quere kommt. Dass Ähnlichkeiten mit Vorkommnissen hierzulande gänzlich an den Haaren herbeigezogen sind, versteht sich von selbst.
Das "R”dam Dagbladed" hatte, gleich nach Erscheinen des Buchs im Heimatland des Erzählers, zu dieser Erstveröffentlichung treffend wie lapidar gemeint: "Der Held dieser Chronologie des basisdemokratischen Schreckens, ja Alptraums, ist wirklich zu bedauern. Wie ein Michael Kohlhaas rennt er sich die Füße vergeblich wund nach Gerechtigkeit. Aber sie widerfährt ihm nicht und nicht. Ein Wunder, dass er nicht verrückt wird und durchdreht. Bemerkenswert an "Afstandverklaring. Eindelijk ijne vrouw voed president" ist allerdings, dass Alfonse, der fast allzu faire Protagonist, statt nur nach Schuldigen zu suchen, in sich geht, und genug Belastungsmaterial findet, um die politische Inkompetenz auch bei sich, und nicht nur bei anderen, als Täter zu orten. Schade, dass dieses Buch laut Nachwort des Übersetzers das einzige bleiben wird, das aus der Feder des Anonymus Baeuschle zu erwarten sein wird. Ein Unikat also, auch wenn es als Plagiat der Realität verstanden werden will. Aber im politischen Wählerverhalten eines Wählers, der nur mehr die Wahl hat, zwischen - allzu vielen - kleineren Übeln zu wählen, ist es durchaus übertragbar. Staatsbürger sind nirgends sonst so einsam wie bei sogenannten demokratischen Wahlen, wo sie vor vermeintlichen Alternativen stehen. Der Wunschtraum nach Idealen bleibt stets nur ein Traum, was soll”s.
[... ] Jedenfalls werden sich viele Leserinnen und Leser bei ihrer Lektüre dabei ertappen, ähnliche Träume schon einmal gehabt zu haben. Aber auch enttäuscht zu werden, ist ein Gewinn - so eine Moral von der Geschichte. Und: Ist nicht die Wirklichkeit immer das schönste Zeugnis für die Möglichkeit?" (Jens Keerk)

Olaf Danner, Jahrgang 1970, spielt mit großem Erfolg seit 2001 am Linzer Landestheater. Der gebürtige Stuttgarter besuchte in München die Otto-Falckenberg-Schauspielschule und war 1995-2001 an den Kammerspielen München Ensemble-Mitglied. Seit 2001 spielt er am Landestheater Linz und hat sich auch hierorts beim Publikum längst einen Namen gemacht. Der Schauspieler ist sehr vielseitig: Vor kurzem war er beispielsweise auf 3sat in "Cymbelin" (Regie: Dieter Dorn) zu sehen. Neben seiner Tätigkeit an der Linzer Landesbühne arbeitet er u.a. für den Rundfunk (u.a. ORF, Deutschlandfunk), liest regelmäßig Texte und Radiogeschichten, spielt in Hörspielen für den ORF und rezitiert für die Blindenhörbücherei München.
Olaf Danner verleiht dem aus dem Nedernoordzeelandischen ins Deutsche übertragenen "Kultbuch für politisch trübe Köpfe" seine Stimme. Denn der Verfasser (oder die Verfasserin) des Buchs will im Hintergrund bleiben, anonym.
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