GRUNDLEGENDES ZUM BEGRIFF DES FAMILIENNAMENS

Als Familienname gilt ein Name, der im Wesentlichen unveränderlich an einer Person haftet und der in amtlichen Dokumenten neben einem oder mehreren Vornamen geführt wird. Die Änderung eines Familiennamens kann nur amtlich, etwa durch Heirat, Adoption oder behördliche Namensänderung, erfolgen. Die in Österreich ebenfalls gebräuchlichen Begriffe Zu- bzw. Nachname werden meist synonym verwendet, bleiben hier aber außer Betracht.

Familiennamen historischer Personen müssen den genannten Kriterien entsprechen und durch ausreichende Geschichtsquellen als solche belegbar sein. Dies bedeutet, dass für die betreffende Person so viel an Datenmaterial vorliegen muss, dass man mit großer Wahrscheinlichkeit sagen kann: Mit diesem Namen wurde eine Person geboren und mit diesem Namen ist sie gestorben. Im Fall einer Namensgleichheit von Vater und Sohn müssen beide Personen aufgrund der biografischen Daten (z.B. als Hausbesitzer) unterscheidbar sein.

Von Familiennamen wird also gesprochen, wenn in den Archiven auch tatsächlich Familien auffindbar sind und nicht nur einzelne – meist männliche – Personen, die im Kontext von Häuserlisten oder militärischen Musterungen aufgelistet werden. Bis in die Frühe Neuzeit ist der Großteil der Bevölkerung namentlich nicht bekannt:
Die frühneuzeitlichen Herrscher hatten vermutlich keine konkrete Vorstellung davon, wie viele Menschen in ihrem Staatsgebiet lebten. Wenn es Volkszählungen gab, so waren es entweder Häuserzählungen (was mit dem Steuersystem zusammenhing) oder Zählungen von Wehrpflichtigen. (aus: Karl Vocelka, Glanz und Untergang der Höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im Habsburgischen Vielvölkerstaat. Wien 2001, S. 303f.)
Da die Problematik der mangelnden Erfassung der Bevölkerung bis ins 18. Jahrhundert auch die Namenforschung massiv betrifft, kommt der Quellenbeschreibung und -kritik höchste Bedeutung zu.


Abb.: Urbar Greinburg, ca. 1530, mit Hofnamen, deren Besitzer lediglich Taufnamen tragen: „Lehen am obern Stainach hat Jörg daselbs“
(© OÖ. Landesarchiv, Herrschaftsarchiv Greinburg)
 

Das Festwerden der Familiennamen

Erst im 17. Jahrhundert kommt es zu einem allmählichen Festwerden von Beinamen, die eine ähnliche Struktur und einen ähnlichen Bedeutungsgehalt wie die heute üblichen Familiennamen aufweisen. Der uns heute bekannte Namenbestand findet also hier seinen Ausgangspunkt. Ungeklärt bleibt allerdings die Frage, ob bereits vorhandene Beinamen nun in den Kirchenbüchern als erbliche Familiennamen festgeschrieben wurden oder ob für die Erfassung in Matrikeln Familiennamen eigens geschaffen, geprägt oder geschöpft wurden.

In der namenkundlichen Literatur wird meist mit einem Modell von fünf Familiennamen-Gruppen gearbeitet: Familiennamen (1) aus Rufnamen, (2) nach der Herkunft, (3) nach der Wohnstätte, (4) nach Beruf, Amt und Stand, (5) aus Übernamen. (Vgl. Konrad Kunze: Dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5. Aufl. München 2004, S. 63)

Sicherlich können viele oberösterreichische Familiennamen dieser Systematik zugeordnet werden, doch erfordern geografisch begrenzte Benennungsmotivationen auch spezifische Modelle, die den regionalen Gewohnheiten und Gebräuchen gerecht werden. In der Namenforschung sind viele Geschichtsquellen bislang nicht ausgewertet, sodass noch eine Fülle von Erkenntnissen und Überraschungen zu erwarten ist. Bei der Bildung von Hypothesen ist deshalb Vorsicht geboten und eine lehrbuchmäßige Darstellung der oberösterreichischen Familiennamen derzeit noch nicht möglich.

Eine durch bisherige Forschungen begründete Hypothese könnte lauten, dass ein Großteil der Familiennamen des 17. Jahrhunderts dazu diente, die betreffenden Personen geografisch zu lokalisieren. Dabei bezog man sich auf den Wohnort der Person, der entweder als Einzelhof oder als kleine Siedlungseinheit mit meist nicht mehr als fünf Gehöften zu fassen war. Oft weisen die Namen alter Höfe die Struktur eines Ortsnamens auf, indem sie sich etwa derselben Grundwörter wie Ortsnamen bedienen (z.B. -öd, -reit oder -berg). Zudem finden sich viele Erstnennungen mittelalterlicher Einzelhöfe in denselben Urbaren wie die geografisch benachbarten Dörfer. Somit entsteht der Eindruck, als hätte man versucht, mit Familiennamen eine Art „Wohnadresse“ zu etablieren bzw. den Wohnort im Familiennamen zu kodieren. Aufgrund dieser Benennungsmotivation ist die Verbreitung von Familiennamen in Oberösterreich oft klein- bis kleinsträumig, ihr Auftreten innerhalb der Kleinräume aber häufig hochfrequent.


Abb.: Urbar Greinburg, ca. 1658, mit fest ausgebildeten Familiennamen, die sich bereits regional verbreiten: „Saxner Pfahrr / Schachenhoff / Darauf der Zeit Barthlmee Zickhenhoffer sitzt …“
(© OÖ. Landesarchiv, Herrschaftsarchiv Greinburg)
 

Mittelalterliche Beinamen

Ob die in den mittelalterlichen Urkunden – meist im Zusammenhang mit Grundverkehrsangelegenheiten – zu Tausenden überlieferten Beinamen von Personen als Vorläufer heutiger Familiennamen gelten können, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. In Struktur und Semantik weichen diese Namen allerdings auffällig von heutigen Familiennamen ab. So finden sich im Hoch- und Spätmittelalter wesentlich mehr Übernamen (das sind Spott- oder Scherznamen wie Seidenschwanz, Milchtopf oder Bräuhafen) und Namen in Zusammenhang mit Handwerksausübung, darunter eine wesentlich größere Zahl an Satznamen, auch imperativische Namen genannt (z.B. Löschenkohl, Scheuchenstuhl, Schröckenfuchs, Schoissengeier, Scheißinbrunn). Viele im Mittelalter in Oberösterreich übliche Beinamen kommen im Bestand der heutigen Familiennamen nicht mehr vor.

Der nachweisbare Bestand an mittelalterlichen Familiennamen ist im Wesentlichen auf Adelige und Stadtbürger beschränkt. Teilweise bilden sich Adels- und Bürgergeschlechter aus, die man über mehrere Generationen in den Urkunden verfolgen kann. Genealogische Bindeglieder zu den rezenten Familiennamen fehlen allerdings meist, allenfalls können bei Ahnenproben und Stammbaumrecherchen in manchen Familien genealogische Zusammenhänge über mehrere Jahrhunderte nachgewiesen werden.

Bei der Behauptung von derlei Kontinuitäten ist aber stets zu bedenken: Manche Namen können über Jahrhunderte hinweg mehrfach und unabhängig voneinander aus den sprachlichen und lebensräumlichen Gegebenheiten heraus gebildet worden sein, ohne dass zwischen einzelnen im Archivgut auftretenden Namensträgern eine Verwandtschaft bestanden haben muss.


Abb.: Imperativische Familiennamen von Sensenschmieden in Oberösterreich
(© K. Hohensinner, 2016)
 



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