Vorträge und Lesungen
Donnerstag, 12. April 2007
Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1


Im Rahmen des Poesiefestivals „Für die Beweglichkeit 2”


15.00 Uhr: Vorträge: FRANZ KALTENBECK (Paris): „Priessnitz sticht in See”. Untiefen der Protopoesie. ANNETTE GILBERT (Göttingen): „Gegen die Blindheit des lesenden Blicks”. Resistenz und Transparenz des Mediums in der russischen Avantgarde, bei Carlfriedrich Claus und in der digitalen Literatur
Moderation: MICHAEL BRAUN (Heidelberg)

19.30 Uhr: Lesungen: OSWALD EGGER (Hombroich); MONIKA RINCK (Berlin); LUTZ SEILER (Wilhelmshorst); FELIX PHILIPP INGOLD (Romainmôtier/CH)
Moderation: MICHAEL BRAUN

Foto: Reinhard Winkler
Obzwar das biennal stattfindende Festival Für die Beweglichkeit von einem „Poesie”-Begriff ausgeht, der sich nicht auf das Genre Gedicht beschränkt und gattungsübergreifend etwa auch Neue Musik einbezieht, steht auch bei diesen (nach 2005) zweiten „Poesie-Tagen” mit dieser Veranstaltung wieder ein ganz dem Gedicht gewidmeter Abend am Programm.

Auch bei der Zusammenstellung dieses Abends wurde nicht nur auf „Beweglichkeit”, sondern zudem auch auf das zusätzliche Motto des diesjährigen Festivals geachtet, das durch das Begriffspaar „Tiefenschärfen/Oberflächen” gegeben ist. Dadurch lässt sich mit anderen Programmpunkten eine Korrespondenz denken. Dies betrifft nicht nur die Programmpunkte andernorts, sondern auch die beiden am Nachmittag im StifterHaus vorangehenden Referate und die laufende Begleit-Ausstellung „Carlfriedrich Claus. Schrift. Zeichen. Geste”.

Mit dieser Veranstaltung, durch die Michael Braun führen wird, der u. a. seit 1994 das Erlanger Poetenfest moderiert, werden vier unterschiedliche Ansätze eines heute möglichen Arbeitens mit dem Gedicht nahe gebracht. Es eröffnet der in Südtirol geborene und nahe Köln lebende Oswald Egger, der laut Braun Gegenstände so ins Licht rückt, dass sie von sich aus zu strahlen beginnen. Es folgen die in Berlin ansässige Autorin Monika Rinck , die in ihren Gedichten Gedanken in eine beständige und doch mobile Form zu bringen versucht, und der im Peter-Huchel-Haus in der Nähe von Berlin lebende Autor Lutz Seiler, dessen Gedichte, so Lothar Müller, die Gegenwart wie Muscheln einschließen. Beschließen wird den Abend sodann der große Schweizer Dichter Felix Philipp Ingold, dessen Gedichte bestimmt werden von einer Dialektik von Konzentration und Dekonzentration; das Kleinste, das Größte: „Eine Sphäre für sich stehen zu lassen, wäre Verrat.”

Unter Verweis auf das dieser Aussendung beiliegende Programmheft des Festivals, das auch weitere Informationen zu den Autorinnen und Autoren enthält, seien hier nur folgenden Kurzdaten gegeben: Michael Braun, zuletzt erschienen u. a.: „Der zertrümmerte Orpheus”; „Der Deutschlandfunk-Lyrikkalender” (Verlag Das Wunderhorn 2002; 2006). Oswald Egger, geb. 1963, zuletzt erschienen u. a.: „Nichts, das ist”; „Prosa, Proserpina, Prosa”; „Lustrationen. Vom poetischen Tun” (Suhrkamp 2001; 2004; 2007). Monika Rinck, geb. 1969, zuletzt erschienen: „Ah, das Love-Ding!”, Essays; „Zum Fernbleiben der Umarmung” (kookbooks 2006; 2007). Lutz Seiler, geb. 1963, zuletzt erschienen u. a.: „vierzig kilometer nacht”, Gedichte (Suhrkamp 2003); „vor der zeitrechnung”, Hörbuch (Edition Parlando 2006). Felix Philipp Ingold, geb. 1942, Autor, Essayist und Übersetzer (Ajgi, Jabès, u. a.), zuletzt erschienen: „Wortnahme”, Gesammelte Gedichte (Urs Engeler Editor 2005);
siehe auch: www.maerz.at

„Der transparente Schriftträger […] befindet sich zwar rein materiell gesehen zwischen den Schriftaufträgen und trennt diese, doch wird er in seiner Durchsichtigkeit selbst unsichtbar” (Gilbert, zu Claus´ beidseitigen Arbeiten)
„Das Subjekt durchbricht die Schweigemauer der Zensur nur dann, wenn es in der Sprache etwas verändern kann, das ihm eine Existenz gibt. Und diese Veränderung gelingt nur mittels einer List, die von den Sprachgesetzen aus ein Schwindel ist.” (Kaltenbeck)

Das Festival Für die Beweglichkeit 2 steht unter dem Motto „Tiefenschärfen/Oberflächen”. Der Bezug auf bestimmte thematische Aspekte lässt schlüssig auch die Wissenschaft mit einbeziehen. Auch bei diesen (nach 2005) zweiten „Poesie-Tagen” wurden mit Annette Gilbert und Franz Kaltenbeck zwei WissenschafterInnen unterschiedlicher Provenienz eingeladen, sich eine Themenstellung zu wählen, die unter dem allgemeinen, gleich bleibenden Feld eines Eintretens für „Beweglichkeit” auf das spezifischen Motto des Festivals Bezug nimmt.

Annette Gilbert, die die Unabdingbarkeit des Trennbalkens zwischen Oberfläche und Tiefe für ein semiotisches Verstehen betont, untersucht an ausgewählten Textbeispielen, wie eine oberflächenkonzentrierte Literatur, also eine Literatur, welche die Oberfläche aufraut, mit eben dieser Oberfläche und dem Darunter bzw. Dahinter umgeht. Und Franz Kaltenbeck, der in seinen essayistischen Arbeiten zu Sprache und Dichtung betont, dass der Dichter von der Statik bedroht werde, wenn ihm der Übergang ins Unbekannte verwehrt wird, befragt in seinem Beitrag die
Textstruktur von Reinhard Priessnitz´ Gedicht „triest” in Hinblick auf Subjekt und Zensur, aber auch auf eine abgründige Tiefe der „Seichtheit”.

Annette Gilbert, geb. 1975 in Berlin, studierte in Berlin, Paris und Kazan´. Magisterarbeit zum Spiel mit dem Rahmen im Moskauer Konzeptualismus. Von 2001 bis 2005 DAAD-Lektorin in Tomsk, Novosibirsk und Moskau. 2005 Promotion zum Skripturalen bei Twombly, Claus, Scherstjanoi und Mnacakanova. Derzeit Wissenschaftl. Mitarbeiterin und Koordinatorin des Zentrums für komparatistische Studien an der Universität Göttingen. Schwerpunkte: Kunst und Literatur von der klassischen Moderne bis heute; ästhetische Theorie.
Franz Kaltenbeck, geb. 1944 in Graz, lebt seit 1976 in Paris. Psychoanalytiker und Dozent in Paris und in Lille. Arbeiten zur Klinik, Theorie, Geschichte der Psychoanalyse, aber auch zur Literatur des 20. Jahrhunderts. 1990 organisierte Kaltenbeck in Paris ein internationales Colloquium zu Reinhard Priessnitz. Veröffentlichungen u.a: Chefredakteur von „Savoir et clinique. Revue de psychanalyse” (seit 2000); Hg. (m. Peter Weibel): „Trauma und Erinnerung”, Wien: Passagen 2000; „Reinhard Priessnitz. Der stille Rebell”, Graz/Wien: Droschl 2006.

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