„echt falsch”
Vortrag und Diskussion

Donnerstag, 12. Februar 2004
Linz, StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz 1, 15.00 Uhr

Der historische Roman und postmoderne Travestien
Ideologisierung durch Geschichtsdichtung und Ironisierung der Gattungstradition

UNIV.-PROF. DR. WOLFGANG WIESMÜLLER, (Universität Innsbruck):
Der historische Roman - eine literarische Gattung im Spannungsfeld von Geschichte, Fiktion und Ideologie

Der historische Roman gilt von Anfang an als „Zwittergattung”, weil er sich einerseits auf historische Quellen und Fakten bezieht, andererseits aber zu den Mitteln der literarischen Phantasie greift. Viele AutorInnen haben jedoch gerade darin eine reizvolle Herausforderung gesehen. So hat der historische Roman im Verlauf der Literaturgeschichte unterschiedliche Ausprägungen erfahren, die von den jeweiligen literarischen, kulturellen, aber auch geschichtlichen und politischen Verhältnissen beeinflusst wurden. Erkennbar wird eine gattungsgeschichtliche Entwicklung, die vom Typus historischer Romane in der Nachfolge Walter Scotts im 19. Jahrhundert ihren Ausgang nimmt und über den historischen Roman der Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts etwa bei Alfred Döblin bis hin zum postmodernen Spiel mit der Gattung bei Umberto Eco führt, der die Muster der Geschichtsillusionierung ironisiert und dekonstruiert. Es zeigt sich aber auch, dass der historische Roman eine Gattung ist, die sich beim Lesepublikum großer Beliebtheit erfreut, insbesondere weil er vergangene Zeiten und versunkenen Welten wieder lebendig werden lässt, auf unterhaltsame und spannende Weise historisch bildet und durch das Mitleben mit fiktiven und historischen Persönlichkeiten Identifikation ermöglicht. Darin scheint die Popularität der Gattung über ihren geschichtlichen Wandel hinweg begründet zu sein. Sie hat den historischen Roman aber auch besonders anfällig gemacht für Mythenbildungen und ideologische Indoktrinierungen, die im Mantel der Geschichte an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft gewinnen sollten.

Wolfgang Wiesmüller, geboren 1950 in Ybbs a.d. Donau. 1969 Matura am Stiftsgymnasium
Seitenstetten. Anschließend Studium der Theologie, Germanistik und Pädagogik in St. Pölten und Innsbruck. Von 1977 bis 1991 Assistent am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck. 1991 Habilitation für das Fach "Neuere deutsche Literatur". Derzeit ao. Univ. Prof. am Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik der Universität Innsbruck.
Lehrtätigkeit im Ausland an den Universitäten in Szeged und Sarajevo.
Zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen zur österreichischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (speziell zu Adalbert Stifter und zur Lyrik nach 1945), zum Historischen Roman (1991 bis 1996 Leitung eines Forschungsprojekts zum deutschsprachigen historischen Roman von 1780 bis 1945), und zu den Wechselbeziehungen zwischen Theologie und Literatur.
Mitarbeit an der historisch?kritischen Stifter?Ausgabe. Mitherausgeber der Germanistischen Reihe der Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft.
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